Weggedanken zum Begehen des Bibelpfades
Weg-Gedanken für den Bibelpfad
Station 1: Friedhofshalle
Es gibt kurze und lange, schmale und breite, verschlungene und gerade, ebene und steile Wege. Nicht immer führt der bequemste Weg zum Ziel. Wegkreuzungen fordern zur Entscheidung heraus. Manchmal ist mir der Weg zu lang, ich wünschte mich schon am Ziel.
Was hilft mir, durchzuhalten?
Hier an dieser ersten Station wird das Durchhalten an den Pflanzen bildlich sichtbar:
- Da sind die Rosen. Sie stehen schon lange hier.
- Dann die Salzmelde, Symbol des Durchhaltens, denn die Salzmelde diente den Hirten und deren Herden in biblischen Zeiten als gehaltvolle Nahrung: Sie pflückten Salzmelde im Gesträuch und Ginsterwurzeln waren ihr Brot. (Hi 30,4)
- Beim Granatapfel brauchen wir Geduld, bis er wächst, und bis sich auch in unseren Breiten einmal ein Granatapfel daran zeigen wird? Durchhalten ist für den Granatapfel angesagt.
- Aber dann die Feige: Warum ist sie nach drei Jahren immer noch so klein? Ich kenne das anders, zu Hause im Pfarrgarten ist die Feige in den letzten Jahren wahrlich explodiert in ihrem Wachstum. Aber auch hier heißt es, Durchhalten. Wer seinen Feigenbaum pflegt, der isst Früchte davon, und wer seinem Herrn treu dient, wird geehrt. (Sprüche 27,18) Damit erinnert uns die Feige, auch im Glauben durchzuhalten.
GEBET:
Gott, du bist mit uns unterwegs, auf der Lebenswanderung, auf den Wanderungen durch die Wüsten dieser Zeit, auf der Suche nach gelingendem Leben, auf dem Weg zum Nächsten, der uns braucht.
Du Gott des Wanderstabs, der gegürteten Lende, des Auszugs, du bist kein Gott der Starre, das Beharrens auf Standpunkten. Du bist ein Gott der heilsamen Unruhe, der Bewegung, des frischen Windes, des Wanderns, des Durchhaltens.
Danke, dass du mit uns unterwegs bist. Danke, dass dein Geist uns beflügelt, um loszugehen, und Kraft gibt, um durchzuhalten. Amen.
(nach einer Vorlage von Horts Ritter)
2. Station: Vor der Sakristei
„Und auf den letzten fünf Kilometern wurde es dann richtig übel. Ich dachte ans Aufgeben. Die Knie waren nur noch ein einziger Schmerz und die Füße spürte ich schon seit Kilometer 25 kaum noch ... Dass die Lungen noch Luft bekamen, war schon fast ein Wunder. Warum in aller Welt, dachte ich, warum tue ich mir das an?“
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet 490 v. Chr. über Pheidippides. In zwei Tagen sei er von Athen nach Sparta gelaufen, um Hilfe im Krieg gegen die Perser zu suchen. Daraus entstand um Christi Geburt herum eine Legende: Ein Läufer machte sich nach dem Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon auf den knapp 40 km langen Weg nach Athen, verkündete dort die Botschaft „Wir haben gesiegt!“ und brach tot zusammen.
42,195 km ist heute die Distanz eines Marathons. In den großen Städten unserer Welt zählen Marathons zu den größten Volkssportereignissen.
Andere machen sich anders auf den Weg. Sie pilgern. Der Jakobsweg ist eine etwa 800 Kilometer lange Pilgerstrecke, die in Südfrankreich beginnt. Sie geht über die Pyrenäen und endet in Santiago de Compostela. Dort sollen die Reliquien des heiligen Jakobus, einem der Jünger Jesu, aufbewahrt sein. Seit Jahrhunderten gehen Menschen aller Konfessionen diesen Weg, zumindest in Teilen, um zu sich selbst und zu Gott zu finden.
Was hilft, durchzuhalten auf dem Weg?
Hier an dieser Station befindet sich der Olivenbaum. Über ihn heißt es:
Ich aber werde bleiben wie ein grünender Ölbaum im Hause Gottes; Ich verlasse mich auf Gottes Güte immer und ewig. (Ps 52,10)
Deine Kinder (werden sein) wie junge Ölbaume um deinen Tisch daher. So segnet der Herr den Mann, der ihn achtet und ehrt. (Ps 128,3)
Durchhalten mit dem Blick auf Gott, der uns seine Güte schenkt, seinen Segen. Denn Gott ist derjenige, der immer wieder neue Kraft gibt und aufleben lässt. Dafür steht die Palmlilie: Ich will für Israel wie ein Tau sein, dass es blühen soll wie eine Lilie. (Hosea 14,6)
Doch auch bei solch verheißungsvollen Worten wissen wir: Es ist nicht immer einfach.
3. Station: Kirchplatz / am Altar
Wir sind also von einer großen Menge von Zeugen wie von einer Wolke umgeben. Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der Sünde, in die wir uns so leicht verstricken. Dann können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt. Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen. Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt. Dies tat er wegen der großen Freude, die vor ihm lag: Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron. Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die Sünder ertragen hat. Dann werdet ihr nicht müde werden und nicht den Mut verlieren. (Hebr 12,1-3)
Niemand weiß, von wem der Text stammt und an welche Gemeinde er sich richtet. Aber wir erfahren, dass der Verfasser die Gemeinde als wanderndes Gottesvolk sieht. Wir sind im Namen Jesu Christi unterwegs. Doch: Die Gemeinde will nicht mehr laufen. Sie ist müde. Kilometer 35. Zu lang und zu leidvoll ist der Weg, den sie hinter sich hat. Warum tun wir uns das an? Brechen wir am Ende auch tot zusammen?
Christen werden um ihres Glaubens willen verfolgt - nicht nur damals. Unsere westeuropäischen Fragen und Klagen erscheinen dagegen harmlos: Warum halten wir fest an Traditionen, die uns lieb sind, aber sonst die Welt nicht mehr interessieren? Was ist das, was uns trägt und hält? Und wie wird es weitergehen mit unserer kleiner werdenden Kirche, mit Strukturen und Geld?
Der Glauben, für den andere Menschen damals und heute Verfolgung auf sich nehmen, verschwindet bei uns ganz banal zwischen Freizeitstress, Spaßgesellschaft und Unverbindlichkeit. Wie will man da als Kirche durchhalten?
-> Hier in unserer Kirche sind wir den Weg in die Moderne gegangen. Wir waren nicht müde. Und doch: Wie wird es weitergehen?
-> Es hat sich auch uns die Frage gestellt, wie man mit Traditionen umgeht. Ganz konkret mit Kanzel, Taufstein und Altar. Zwei sind in der Kirche geblieben, einer ist vor die Kirche gewandert. Und hat hier mit den Weinreben und dem Dreieinigkeits-Holz seine Bedeutung gefunden: Leise vom Glauben sprechen, nicht nur drinnen, sondern auch draußen. Wie überhaupt der ganze Bibelpfad!
Und dann ist es eigentlich der Weinstock, der die Perspektive gibt, durchzuhalten: Jesus spricht: Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, wird viel Frucht bringen. Denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. (Johannes 15,5)
Diesem Jesus folgen, der Nächstenliebe und Feindesliebe predigte, der sich frei machte vom Gesetzt und in Liebe handelte.
4. Station: Baumgruppe oben
Dann können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt. Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Schon für den Verfasser des Hebräerbriefes stellt sich die Frage: Wie durchhalten im Glauben?
Auf dem Jakobsweg erreichen übrigens nur 15%t derer, die starten, das Ziel. Und auch beim Marathon kommen längst nicht alle ans Ziel.
Der Hebräerbrief versucht, wie ein guter Trainer neue Motivation zu erzeugen. Er beschwört die Vorbilder der Vergangenheit, die Wolke der Zeugen. Er nennt ganz konkret große Männer des Glaubens, aber auch all die namenlosen. Sie alle haben geglaubt, ohne zu sehen, und gaben diesen Glauben weiter: Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind. (Hebr 11,1)
Lange Wege mit Gott gehen, ohne aufzugeben. Dazu braucht es die Gemeinschaft. Dazu braucht es die Zeugen, die von ihrem Glauben, aber noch viel Wichtiger, von ihren Zweifel und ihren Durststrecken erzählen. Mit Blick auf die Kirche und mit Blick auf die Gräber denken wir an sie, die uns den Glauben und das Durchhalten weitergegeben haben.
Doch wir müssen uns auch kritisch fragen: Wo ist die Wolke der Zeugen heute? Wo wagen wir Zeugen zu sein für das, was wir glauben und hoffen? Zu Hause, bei der Arbeit, im Freundeskreis?
Was gibt uns den Mut, vom Glauben zu reden?
Vielleicht die Verheißung hier auf dem Bibelpfad, dem Maulbeerbaum: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer! Und er würde gehorchen. (Lk 17,6)
5. Station: Sandsteinmauer
Auf dem Jakobsweg gibt es gelb gestrichene Hinweise, die die Richtung anzeigen. Auf der Marathonstrecke weisen Streckenposten den Weg. Und auch der Hebräerbrief nennt einen Wegweiser. Ihn zu erkennen, davon hängt alles ab: Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen.
Jesus ist das Leitbild. Er ist das Woher und Wohin unseres Weges. Er ist die Zieleingabe im Navigationssystem unserer Sinnsuche. An seiner Auferstehung wird für unsere Augen sichtbar, was für die Wolke der Zeugen noch unsichtbar war: der Sieg über den Tod. Jesus ist Kilometer 41,195.
An der Trockenmauer wachsen Pflanzen, die sich spezialisiert haben: Auf wenig Nahrung, wenig Wasser, wenig Erde. Und doch wachsen sie.
So ist es auch beim wandernden Gottesvolk. Da steckt ganz viel Bewegung und Leben drin, ähnlich wie auf dem leidvollen und doch spannenden Weg nach Santiago de Compostela.
Denn der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände. Er hat dein Reisen zu Herzen genommen durch diese große Wüste und ist vierzig Jahre der HERR, dein Gott, bei dir gewesen, dass dir nichts gemangelt hat. (5. Mose 2,7)
6. Station: Baumgruppe
Letzten Monat zog es meinen Freund und mich quer durch Irland. Irgendwann landeten wir in Cork, tief im Süden der Insel. Ein Marathon blockierte die ganze Stadt. Alle Straßen waren gesperrt. Kein Durchkommen. Also blieben wir am Rand stehen, begeistert von der Atmosphäre. Neben uns jubelte eine Frau mit Baby auf dem Arm, Kinder, die Plakate hochhielten, daneben ein älterer Herr mit Schirmmütze, der jedem zurief: »Halte durch!« Die Läufer/innen wurden von den Fremden an der Strecke angefeuert, als wären sie ein großes Team. Am Nachmittag schien der Zauber vorbei. Die Strecke leerte sich. Die Cafés und Pubs füllten sich mit Menschen, die ihre Medaillen stolz um den Hals trugen.
Dann – wieder Applaus. Langsam und Schritt für Schritt erreichten die Letzten die Zielgerade. In den Lokalen sprangen alle von ihren Stühlen auf und bewegten sich zurück zur Laufstrecke. Klatschten, riefen was rüber, winkten. Der Jubel war sogar noch lauter als am Morgen.
Da kam mir der Satz in den Sinn »Die Letzten werden die Ersten sein.«
Natürlich habe ich das Zitat von Jesus schon oft gehört, in der Schule analysiert und in Vorbereitung auf die Konfirmation noch tiefer durchdrungen. Richtig lebendig wurde es für mich aber erst an diesem Tag in Cork. Viel zu oft denke ich nur daran, möglichst schnell ans Ziel zu kommen. Dabei werde ich auf dem Weg dahin doch schon gesehen – so wie ich bin. Und diese Wertschätzung muss ich mir nicht erst verdienen.
Den Gedanken nehme ich mit in die Sommermonate: Kein Wettlauf, kein Druck. Einfach in meinem Tempo gehen – und mich über die Menschen an der Strecke freuen.
(Nele Best)
Segen:
Gott segne deinen Weg, die sicheren und die tastenden Schritte, die einsamen und die begleiteten, die großen und die kleinen.
Gott segne dich auf deinem Weg, mit Atem über die nächste Biegung hinaus, mit unermüdlicher Hoffnung die vom Ziel singt, das sie nicht sieht, mit dem Mut, stehenzubleiben und der Kraft, weiterzugehen.
Gottes Segen umhülle dich auf deinem Weg wie ein bergendes Zelt.
Gottes Segen nähre dich auf deinem Weg wie das Brot und der Wein.
Gottes Segen leuchte dir auf deinem Weg wie das Feuer in der Nacht.
Geh im Segen und gesegnet bist du. Segen wirst du und Segen bist du,
wohin dich der Weg auch führt.
Katja Süß (Textrechte Verlag Eschbach)
Mit vielen Gedanken und Zitaten von Regine Klusmann zum Marathon, zum Pilgern und zum Hebräerbrief
